#AltesBlechAlteGrenze – die nächsten Ereignisse auf unserer Strecke

2. Juli 2021 | Keine Kommentare | Schlagwörter: , , , , , , ,

Nach unserer Station im Fichtelgebirge und dem beeindruckenden Deutsch-Deutschen Freilichtmuseum in Mödlareuth ging es auf unserem Roadtrip weiter. Durch den Ort Mödlareuth verlief direkt die Grenze, insgesamt waren es knapp 1400km „Mauer“, die Deutschland teilte. An strategischen Stellen, wie z.B. in Mödlareuth, als sehr gut ausgebaute Grenzanlage, an anderen Stellen auch mit weniger Alarmvorrichtungen. Ein paar Stationen haben wir uns im Verlauf der Tour noch angeschaut.
Bevor es aber zu den nächsten Zielen auf unserer Route kommen kann, bin ich euch noch die Auflösung schuldig zur Frage „Kamen wir denn überhaupt wie geplant im Fichtelgebirge an…?“ aus diesem Blogpost.

Bei der Frage, welches Auto evtl. Komplikationen machen könnte, hätten wir niemals gedacht, dass es den Corsa erwischt. Aber so war es tatsächlich. Kurz vor Mödlareuth (also unserem ersten Tagesziel) gab der Corsa seinen Geist auf, der Motor ging einfach auf dem Parkplatz aus. Was ein Glück, dass es nicht auf der Autobahn passierte! Und dann noch direkt am Zielort. Wir rätselten nur kurz, denn wir besuchten aus Termingründen zunächst das Museum und wollten uns später um den Youngtimer kümmern. Im Anschluss an den Besuch in Mödlareuth war geplant, weiter Richtung Zwickau zu fahren. Der Corsa sprang auch zunächst wieder an, zickte aber etwas und in weiser Vorahnung hatten wir uns von Herrn Lebegern (dem Leiter des Deutsch-Deutschen Museums Mödlareuth), einen Tipp für eine Werkstatt geben lassen. Vielleicht war es nur ein Wackelkontakt durch die Nässe? Wir wollten sicher gehen und unser Weg führte uns zu besagter kleiner Werkstatt. Dort war allerdings an einem späten Freitagnachmittag nichts zu machen: „Nein, heute schaff ich das nicht mehr“. Wir sahen schon unsere Felle davon schwimmen, bekamen aber einen weiteren Tipp zu einer neuen Werkstatt. Ab in den Nachbarort, vielleicht haben wir dort etwas mehr Glück? Wir betraten die genannte Werkstatt, schilderten unser Problem und Hartmut Glück (ja, der Name war Programm!) konnte uns tatsächlich helfen. Er maß die Batterie durch, stellte dort aber nichts fest. Dann war der Fehler schnell gefunden, es war die Lichtmaschine! Da es sich allerdings um besagten Rallye-Corsa handelte, musste die Lichtmaschine auch mehr Leistung bringen als die für den Opel Corsa „normale“. Für Herrn Glück allerdings kein Problem, mit seiner Erfahrung (und mit etwas zusätzlichem Glück), organisierte er eine neue, tauschte die alte aus und klingelte wenige Stunden später – wir waren bereits in Zwickau im August-Horch Museum angekommen – durch. Wir waren alle etwas sprachlos vor Freude, denn so früh hätten wir niemals mit einer Reparatur gerechnet. Frühestens am nächsten Tag. Hammer! Also wer zufälligerweise im thüringischen Tanna vor Ort ist, bitte einen schönen Gruß von uns ausrichten! Er hätte die Lichtmaschine übrigens auch repariert, aber dafür fehlte ihm ein Teil „Bis Montag hätte ich es fertig gehabt!“ war seine Aussage. Total hilfsbereit und es wird alles versucht, was möglich ist, auch DAS ist übrigens „Ost-Mentalität“ für mich – sehr (!) positiv gemeint!

Hartmut Glück hatte noch ein paar Tipps auf Lager und Geschichten aus der Zeit der deutschen Teilung, so konnte er u.a. von der russischen Radarstation in der Nähe erzählen. Des Weiteren stellt er seinen Innenhof regelmäßig für die „Stelzenfestspiele“ zur Verfügung, ein internationales Festival für Musik unterschiedlicher Stilrichtungen von Jazz bis klassische Musik. Ich muss gestehen, dass sie mir nichts sagten, aber es kommen jedes Jahr hochkarätige Personen aus aller Welt zusammen. Er zeigte uns Bilder von vergangenen Veranstaltungen und so wie es aussieht, muss es gewaltig sein. Wir hatten, dank Herrn Glück, einfach Glück und konnten die Tour mit unserem Opel Corsa fortsetzen.

Zwischenzeitlich besuchten wir aber, wie bereits angedeutet, das August Horch Museum in Zwickau. Bei dem Museum handelt es sich um die „Geburtsstätte“ von Audi und des Automobilbaus in Zwickau. Der Ingenieur August Horch gründete am 10. Mai 1904 in Zwickau zunächst die „August Horch & Cie. Motorenwagenwerke AG“ und später dann die „Audi Automobilwerke GmbH“. Wobei „Audi“ der lateinische Begriff von „Horch“ darstellt, wie die alten Lateiner unter uns wissen. Wegen einem verlorenen Namensstreit musste er sich nämlich damals umbenennen. Was seinem Drang nach neu entwickelten Fahrzeugen sogar noch zu Gute kam. Natürlich änderte der Krieg auch hier alles und 1945 wurden die Werke der zwischenzeitlich fusionierten „Auto Union“ als Reparationsleistung fast vollständig demontiert, was den Weg für eine neue GmbH in Ingolstadt frei machte. Am Standort Zwickau wurden 1958 die „VEB Sachsenring Automobilwerke Zwickau“ gegründet. Fortan wurde hier der Trabant gebaut. Das August-Horch Museum selbst wurde final zwar erst nach der deutschen Einheit eröffnet, aber Pläne für ein Museum gab es bereits früher.

Das Museum ist super aufgebaut. Von Exponaten aus den Anfangszeiten bzw. Vorkriegszeiten bis hin zu den „neuen“ Modellen bekommt der Besucher viel geboten. Was ich persönlich super fand, waren die „Themenwelten“. In diesen sind ganze Szenarien (z. B. Tankstelle, Straßenzüge, Rennstrecke usw.) nachgebildet und können auf eigene Faust entdeckt werden. Und zwar nicht nur visuell, sondern mit allen Sinnen! Hammer! Natürlich wird dem Trabanten eine Ausstellungsfläche gewidmet. Dieser wurde übrigens, nicht – wie oft behauptet – aus Pappe hergestellt, sondern aus sogenanntem „Duroplast“ (eine Mischung aus Baumwollfasern und Phenolharz) gefertigt. Also nichts mit Pappe. Wie es dazu kam, war auch recht simpel: Das Grundmaterial musste in der DDR zu beschaffen sein, gute Bearbeitungsmöglichkeit, hohe Elastizität, geringes Gewicht und zu guter Letzt eine hohe Korrosionsfestigkeit aufweisen. Genau DAS wurde mit diesem Material bzw. dieser Herstellungstechnik erreicht. Eine Erfindung, die international beachtet wurde. Im Museum selbst ist eine kleine Produktionsstraße zur Herstellung von Duroplast zu sehen. Da wir beim Trabi sind: Der letzte Trabi aus dem Jahr 1991 bekommt im Museum seine letzte Ehre und natürlich einen Sonderplatz! Was ist noch zu sehen? Den originalen Schreibtisch von August Horch, seine Villa und viel mehr. Bis auf die Villa (geht auf Grund der alten Bausubstanz leider nicht) ist alles barrierefrei! Und unterschiedliche Sonderausstellungen gibt es zudem.

Nach dem Museumsbesuch und dem Abholen des Corsa bei Herrn Glück führte unser Weg weiter nach Dresden. Natürlich wieder mit allen drei intakten Fahrzeugen! In Dresden fielen wir aber ins Bett. Schließlich mussten wir für den nächsten Tag fit und ausgeschlafen sein. Was wir genau vor hatten, erfahrt ihr natürlich wieder hier.

Mehr zum Roadtrip #altesblechaltegrenze findet Ihr natürlich auch auf den Blogs von Sebastian und Daniel.


Zwecks Transparenz: Ohne grandiose Partner wäre so ein Roadtrip nicht möglich gewesen. Deshalb ein dickes Dankeschön an: Dunlop, Opel, Volkswagen, Ford Deutschland, Tourismusregion Sachsen, Tourismusregion Fichtelgebirge, Deutsch-Deutsches Museum Mödlareuth, August Horch Museum in Zwickau, Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn und Gedenkstätte Point Alpha.
Bilder von Marcel Langer, Daniel, Sebastian und mir.

#AltesBlechAlteGrenze – der VW Golf II GTI

15. Juni 2021 | Keine Kommentare | Schlagwörter: , , , , ,

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Früher (in den 80ern/90ern) gab es entweder #teamopel oder #teamgolf. Man hatte seinen Lieblingshersteller, ein anderes Fahrzeug kam kaum in Frage, wenn man sich so im Bekanntenkreis umhört. Ich muss gestehen, dass ich damals (in jungen Jahren) kein VW-Fan war. Als „Opel Kind“ wurde man von seinem Umfeld doch mehr oder weniger beeinflusst. Im Nachhinein betrachtet ist es schade, denn Vielfalt ist schließlich Trumpf. Umso schöner, dass wir auf unserem Roadtrip #altesblechaltegrenze die Auswahl an drei Fahrzeugen zur Verfügung hatten.  Den Opel Corsa A Cup habe ich Euch bereits vorgestellt. Heute ist das zweite Fahrzeug an der Reihe, Ihr ahnt es wahrscheinlich, der VW Golf II GTI. Und egal wie man damals zu VW stand, der Golf II war einfach DAS Auto. Präsent auf den Straßen und in der Nachbarschaft. Somit gehörte auf unserer Tour #AltesBlechAlteGrenze der Golf unbedingt mit ins Portfolio.

Optisch gesehen stach der graue GTI nicht sofort als „Besonderheit“ ins Auge. Zumindest im direkten Vergleich zum Corsa und Scorpio. Was aber sicherlich daran liegt, dass ältere VW Golf Modelle noch des Öfteren auf unseren Straßen zu finden sind als die anderen zwei und der Rallye-Opel einfach durch seine „Renn-Optik“ auffiel.
In Rüsselsheim trafen wir uns alle, dort sah ich den VW Golf das erste Mal, fuhr ihn aber erst später im Laufe unserer Tour. Er war „Atlasgrau Metallic“ und aus dem Baujahr 1989 mit 1,8 Liter Motor und 107 PS. Für damalige Verhältnisse eine Rakete. Gerade bei seinem Leergewicht von 950kg. Nicht umsonst wurde er in einer Stückzahl von 628.000 gebaut. Preislich lag der GTI damals bei 21.115 D-Mark.

Im Gegensatz zum Corsa musste man die Drehzahl nicht erst in höhere Bereiche bringen, um Leistung zu erzielen. Der Golf kommt auch von unten raus und seine maximale Leistung dürfte so bei 3800 Umdrehungen liegen. Da fing der Corsa ja quasi erst an. Die Innenausstattung war wie erwartet. Zwar hatte unser Modell kein Radio, aber sonst alles, was man damals (und vielleicht auch heute) so benötigte. Ohne viel technischen Schnickschnack und mit enorm viel Platz. Wir verstauten unser halbes Gepäck im Golf und hatten trotzdem noch Platz übrig.
Bereift war der VW mit Dunlop „Blue Response“ Reifen in der Größe 195/50R 15. Also auch hier ein kleiner Unterschied zum Corsa. Aber auch nur in der Größe, denn zwecks Haftung bei sämtlichen Wetterbedingungen sind beide Reifenmodelle gleich gut und erfüllten ausgezeichnet ihren Job. Auch sonst lief der Golf ohne Probleme. In den Kurven reagierte er sehr direkt, wobei gefühlt die Straßenhaftung hätte besser sein können (lag eher am Fahrwerk) – bei spitzeren Kurven ruckelte es doch etwas kräftiger. Aber hey, man muss sich einfach daran gewöhnen.

Zu Beginn dachten wir erst, der Youngtimer hätte etwas Probleme mit dem Kühlwasser. Daniel bemerkte schon nach kurzer Zeit, dass etwas nicht stimmte (der Golf wurde von VW zu ihm nach Hause geliefert). Vom Start an war zu viel Kühlwasser im Behälter, welches sich dann aber auf wundersame Weise wieder normalisierte. Wir dachten an ein kleines Leck im System, aber irgendwie war nach der Anfangsphase der optimale Stand (gefühlt sogar etwas zu wenig Wasser) vorhanden und der Golf fuhr wirklich ohne Probleme. Im Nachgang unseres Roadtrips wurde festgestellt, dass noch eine Benzinleitung ausgetauscht werden musste. Dies bemerkten wir bei der Fahrt allerdings weniger. Wobei der Spritverbrauch noch im normalen Verhältnis und somit bei ca. 9 Litern lag. Also „nur“ Kleinigkeiten und bei Fahrzeugen in diesem Alter völlig normaler Verschleiß.

Abschließend sei zu sagen: Der VW Golf II GTI hat mich wirklich positiv überrascht und ist nicht zu Unrecht ein nach wie vor begehrtes Modell, doch mein persönlicher Liebling kommt zum Schluss. Warum? Erzähle ich euch dann im Blogpost zum dritten Fahrzeug.

Mehr zum Roadtrip #altesblechaltegrenze findet Ihr natürlich auch auf den Blogs von Sebastian und Daniel.


Zwecks Transparenz: Ohne grandiose Partner wäre so ein Roadtrip nicht möglich gewesen. Deshalb ein dickes Dankeschön an: Dunlop, Opel, Volkswagen, Ford Deutschland, Tourismusregion Sachsen, Tourismusregion Fichtelgebirge, Deutsch-Deutsches Museum Mödlareuth, August Horch Museum in Zwickau, Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn und Gedenkstätte Point Alpha.
Bilder von Marcel Langer, Daniel, Sebastian und mir.

Aus dem Schöffenleben – mehrfacher Einbruch

30. März 2021 | Keine Kommentare | Schlagwörter: , , ,

Eigentlich sollte dieser Blogpost vor diesem „Aus dem Schöffenleben – ein Sicherungsverfahren“ online gehen. Deshalb auch die ausführlichere Erklärung zur „neuen“ Strafkammer:

Dieses Jahr ist alles anders. Also nicht nur wegen der Pandemie, sondern auch als Schöffe. Meine Amtsperiode läuft ja von 2019 bis 2023. In den ersten beiden Jahren war ich in der Berufungskammer tätig. Was ich vorher nämlich nicht wusste, jedes Jahr wird man als Schöffe den verschiedenen Kammern zugelost. In der Berufungskammer landen immer die Fälle, die in erster Instanz (sprich Amtsgericht) bereits ein Urteil bekamen. Sollte das Urteil nicht den Erwartungen der Verteidigung und/oder der Staatsanwaltschaft entsprechen, so geht man in Berufung und es wird (meistens) neu verhandelt. In der Regel ist vorab schon einiges geklärt und die Urteilsfindung entsprechend schnell(er) abgeschlossen. So meine bisherigen Erfahrungen. In 2021 wurde ich nun der „Ersten Strafkammer“ zugelost. Zu Beginn wusste ich nicht, was mich erwarten würde. Als dann die erste Ladung mit gleich vier Fortsetzungsterminen ins Haus flatterte, ahnte ich schon, dass es vielleicht auch „härtere“ Fälle sein werden. Dazu sollten man wissen, dass am Landgericht in der Regel Fälle verhandelt werden, bei denen eine Strafe von mindestens 4 Jahren zu erwarten ist.

Meine Ahnung bestätigte sich, als mein Mitschöffe und ich zum ersten Fall aufgeklärt wurden. Es ging um mehrfachen Einbruch, der auch schon einige Jahre zurück lag. Der Angeklagte bohrte vermutlich innerhalb weniger Minuten Fenster und Terrassentüren auf, um anschließend mit einem Gegenstand (evtl. dicker Draht) den Griff in die richtige Stellung zu bringen. Zack waren die Türen bzw. die Fenster offen und der Einbrecher drin. Da es in der Nacht geschah, blieb dies völlig unbemerkt. Und es spielte keine Rolle, ob es sich um Holz-, Kunststoff- oder Alufenster handelte. Warum ich Euch das so detailliert erzähle? Um zu zeigen, dass es innerhalb ganz weniger Minuten passieren kann und Ihr nichts davon mitkriegen müsst. Was aber Abhilfe schaffen kann, sind abschließbare Griffe. Die allerdings auch nur gegen Aufbohren helfen und kein „Allerweltsschutz“ sind. Natürlich kann man jetzt sagen „Wo ein Wille, da auch ein Weg“ und der Einbrecher kommt IMMER rein. Ja natürlich, aber je mehr Zeit er dazu benötigt, desto besser ist es bzw. desto eher fällt er auf. Als Tipp: Die Polizei bietet Beratungen zur Vorbeugung von Einbrüchen an. Bei einigen Geschädigten waren sogar Hunde im Haus, die nicht angeschlagen haben, bei einem Haushalt waren es sogar gleich 3 (mittlere/größere) Hunde. Was den Täter allerdings auch nicht hinderte, sogar ganz ohne Hundefutter-Bestechung.

Vier Verhandlungstage waren schon etwas Neues für mich. Am ersten Tag wurden die Geschädigten als Zeugen angehört. Allerdings hatte keiner etwas gesehen oder gar den Täter auf frischer Tat erwischt. Ein Zeuge hatte auf Grund vorheriger Einbrüche in seiner Umgebung (auf dem Dorf spricht sich so etwas schnell rum) eine Wildtierkamera installiert. Diese nahm mehrere Bilder und eine kurze Videosequenz auf, die einen ersten Hinweis auf den oder die Täter geben konnten. Viel mehr hatten die ermittelten Beamten bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Gut, DNA-Spuren wurden gesichert, bis diese ausgewertet wurden, dauerte es aber noch etwas. Die Einbruchserie fand relativ abrupt ein Ende – vielleicht zog der/die Täter weiter?
Die Ermittler entschlossen sich, das Bildmaterial intern zu verbreiten. Der Gedanke daran war „Vielleicht erkennt jemand die Person“. Daraufhin meldete sich sogar eine Kollegin, die sich ziemlich sicher war, die Person am Gang erkannt zu haben. Diese Person wurde daraufhin überwacht – also mit Kreuzpeilung der Handyauswertungen, Rückverfolgung von Handydaten, Überwachung durch verschiedene Beamte und Anbringen eines Peilsendern am Fahrzeug. Aufgebaut auf einer reinen Vermutung! Es kam allerdings noch skurriler: Die Beamtin wurde von der Verteidigung als Zeugin geladen und es stellte sich heraus, dass sie die verdächtigte Person nicht selbst erkannt hatte, sondern anscheinend ein V-Mann, mit dem die Beamten schon längere Zeit zusammenarbeiten. Wie Ihr jetzt wahrscheinlich erwartet, kam heraus, dass der überwachte Verdächtige überhaupt nichts mit dem Fall zu tun hatte. Er bekam später einen Brief mit der Info, dass die Ermittlungen gegen ihn eingestellt wurden. Vermutlich ist er beim Öffnen aus allen Wolken gefallen! („Welche Ermittlungen?“) Im Nachhinein hat er dann Anzeige gegen unbekannt gestellt, die laut seiner Aussage eingestellt wurde. Was allerdings auch etwas merkwürdig ist, denn schließlich waren die aussagenden Personen intern doch bekannt.
Dieser Einschub ist daher unabhängig vom eigentlichen Fall, trotzdem finde ich persönlich es schon sehr bedenklich, dass quasi jeder von uns verdächtigt und somit auch überwacht werden kann, nur weil EINE Person eine Aussage „ziemlich sicher“ tätigt. Wenn ich es selbst nicht miterlebt hätte, würde ich das wahrscheinlich nicht glauben. Die Aussage „Sie hatten sonst keine Anhaltspunkte“ fällt mir nur schwer zu akzeptieren.

Zurück zum eigentlichen Fall. Die gesicherten DNA-Spuren wurden mittlerweile ausgewertet. Vielleicht sollte man halt auch das Bohrloch nicht „auspusten“, um es von Spänen zu befreien. ;) Die gesammelten DNA-Spuren wurden in Deutschland auf mögliche Treffer in der Datenbank verglichen, leider ohne Treffer. Daraufhin wurden sie an Interpol übermittelt, wo es einen Treffer gab. In Belgien wurden ebenfalls Einbrüche verübt und ein Täter wurde gefasst. Nun war ein Name bekannt. Das Problem bei der Sache war nun wieder, dass dieser nicht mehr in Haft in Belgien war, sondern sich mittlerweile in Osteuropa aufhielt. Es wurde ein Auslieferungsantrag gestellt, dieser wurde aber (zuerst) abgewiesen. Erst auf einen erneuten Antrag (mit belastbarem Inhalt) wurde eine Auslieferung bewilligt. In Summe vergingen somit einige Jahre, bis es nun zur endgültigen Anklage kam.

Wie ging es nun weiter? Die DNA-Spur wurde nochmals überprüft und bestätigte sich erneut. Die Zeugen wurden alle gehört, verschiedene Gutachten usw. vorgetragen und dann die Beweisaufnahme abgeschlossen. Nun folgten die Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung. Die Staatsanwaltschaft forderte insgesamt über 4 Jahre plus die Erstattung des Wertersatzes von über 13.000 Euro. Dies wurde damit begründet, dass in zwei Fällen DNA-Spuren sichergestellt wurden. Und zudem in den anderen Fällen die Indizien eindeutig für den gleichen Täter sprachen. Des Weiteren sagte der Angeklagte gleich zu Beginn der Verhandlung (als er zu seinen persönlichen Umständen gefragt wurde) „…dann ist das passiert, was passiert ist…“. Was als allgemeines Geständnis zu verstehen sei, so die Staatsanwaltschaft. Die Verteidigung war natürlich anderer Meinung und zog nur die eindeutig beweisbaren (DNA-)Fälle heran zur von ihnen geforderten Strafe von 2 Jahren auf Bewährung. Zudem sollte auch die „Unterbringung in einer Entziehungsanstalt“ (§64) zur Bewährung ausgesprochen werden. Laut Verteidigung litt der Angeklagte zur Tatzeit an einem Suchtproblem. Dies konnte der Gutachter allerdings nicht bestätigen. Soweit zu den Plädoyers.
Wir zogen uns zurück und kamen zum Urteil: mehr als 4 Jahre und Erstattung des Wertersatzes, knapp unter der Forderung der Staatsanwaltschaft. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Angeklagte alle zur Last gelegten Taten begangen hatte. Da er vorher bereits in Auslieferungshaft in Osteuropa saß, deren Umstände ungefähr den Haftbedingungen in Deutschland entsprechen, wird diese Zeit 1:1 angerechnet. Wobei eine Auslieferungsbedingung war, dass der Angeklagte im Falle einer Verurteilung die Haft in seiner Heimat absitzen kann. Das ist nicht unüblich, da verurteilte Straftäter sonst weniger Besuch u.a. von ihrer Familie bekommen.

Wie dem auch sei, sollte er keine Rechtsmittel (Revision) einlegen, wird er die Strafe absitzen und anschließend hoffentlich ein geregeltes und legales Leben führen. Apropos Rechtsmittel wie Revision – davon bekommen wir Schöffen in der Regel nichts mit – zumindest habe ich persönlich davon im Nachgang noch nichts mitbekommen.

Zu Beginn stellte ich mir übrigens (auch) die Frage: Warum werden so viele Verhandlungstage angesetzt, warum dauert das so lange? Zum Teil liegt es an der Strafprozessordnung aus dem Jahr 1879. Keine Angst, diese wurde im Laufe der Zeit natürlich angepasst. Ein wichtiger Punkt ist, dass der Angeklagte selbstverständlich immer alles mitbekommen soll. In unserem Fall verstand er kein Deutsch und deshalb wurde simultan übersetzt. Was beispielsweise bei einem DNA-Bericht natürlich nicht ohne ist. Ohne Vorbereitung (was oft der Fall ist), kann der Dolmetscher dies nicht mal eben aus dem Ärmel schütteln. Also wird eine Pause eingelegt.
Ein weiterer Grund könnte sein, dass Staatsanwalt und/oder Verteidigung zwischendurch noch Beweisanträge einreichen. Diese müssen natürlich auch behandelt werden. Außerdem sind Zeugen manchmal doch etwas fortgeschritten im Gesprächsfluss. Summa summarum läppert es sich somit mit den Verhandlungstagen und so wurden aus den ursprünglichen vier Verhandlungstagen sogar fünf.
Auch wenn es manchmal vielleicht etwas nervig ist, bzw. die Dauer auf Unverständlichkeit trifft, lieber etwas länger verhandeln, um im anschließenden Urteil sicher zu sein. Wir sind hier schließlich ein Rechtsstaat und es gilt die Unschuldsvermutung.

Und falls jetzt jemand um die Ecke kommt mit „Wie kannst Du so viele Details ausplaudern?“, mal langsam durch die Hose atmen, es handelte sich um eine öffentliche Verhandlung, der jeder Interessierte zuhören kann. Was ich nicht ausplaudern darf und werde, ist unsere Beratung und Entscheidung, die zum Urteil geführt hat. Von daher erfahrt Ihr hier nur das, was Ihr selbst vor Ort hättet hören können.

Aus dem Schöffenleben – ein Sicherungsverfahren

12. März 2021 | 2 Kommentare | Schlagwörter: , , , ,

Dieses Jahr wurde ich der ersten Strafkammer zugelost, wie ich ja bereits erwähnt hatte. Das heißt, bei einer Verhandlung sind mehrere hauptamtliche (insgesamt 2-3) Richter und zwei Schöffen vertreten. Verhandelt werden hier Straffsachen, die ein Strafmaß von mindestens 4 Jahren erfüllen. Also so ganz grob gesagt.

In meinem letzten Fall saß nun aber kein Angeklagter auf der Anklagebank, sondern ein Beschuldigter. Der Unterschied dabei ist, dass gegen einen Beschuldigten ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren eingeleitet wird und es beim Angeklagten bereits eine vor Gericht zugelassene Anklage gibt. Man lernt ja nie aus! Da es sich in unserem Fall um ein Sicherungsverfahren handelte, war die Person also „nur“ beschuldigt. Kleine, aber feine (und auch wichtige) Unterschiede.
Warum dies so wichtig ist, wird evtl. durch die Definition des „Sicherungsverfahrens“ deutlicher: „Sicherungsverfahrens ist nach § 413 StPO, dass ein normales Strafverfahren wegen Schuldunfähigkeit (§ 20 StGB) oder dauernder Verhandlungsunfähigkeit des Täters nicht durchgeführt werden kann, aber anstatt einer Verurteilung zu Freiheitsstrafe seine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus oder in einer Entziehungsanstalt in Betracht kommt.“ Alles nicht so einfach, denn dazu muss man wissen, dass der Beschuldigte eine oder mehrere Straftaten begangen hat, aber bei ihm eine psychische Erkrankung vorliegt. Also spielte in unserem Verfahren die bekannte Schuldfrage keine Rolle.

Wie immer wurden wir (also mein Mitschöffe und ich) vor der Verhandlung über die Umstände aufgeklärt. Der Beschuldigte war in einer psychiatrischen Klinik untergebracht, hat dort eine Pflegerin geschlagen und mit einem abgebrochenen Buntstift auf sie eingestochen. Des Weiteren kam es auch zu einem Zwischenfall in der psychiatrischen Klinik, bei dem der Beschuldigte mit einem Messer Pfleger/Ärzte bedrohte und schlussendlich auf öffentlichem Grund von der Polizei angeschossen (nachdem er sie ebenfalls mit dem Messer bedroht hatte) und schließlich festgenommen wurde. Also der ungefähre Rahmen. Wie immer folgen in der öffentlichen Verhandlung die Formalitäten, wie Feststellung der Personalien usw., bevor dann die Zeugen vernommen werden. Zu Beginn die Pflegerin, anschließend ein paar Ärzte. Im Saal war ein vereidigter Gutachter zugegen zur Bestimmung des psychischen Zustands des Beschuldigten zur Tatzeit. Sowohl Staatsanwaltschaft als auch Verteidigung stellten ihre Fragen, an denen man recht schnell erkennen kann, in welche Richtung die jeweilige Partei argumentieren möchte. So eine Verhandlung dauert, und das ist nicht negativ gemeint, schließlich gilt die Unschuldsvermutung und im Gericht soll/muss Klarheit gefunden werden. Der erste Verhandlungstag war daher schnell vorbei.
Der nächste Verhandlungstag erwies sich, so im Nachhinein gesehen, als spannender. Denn die Polizeibeamten wurden vernommen. Im Hinterkopf sollte man natürlich immer die besonderen Umstände eines Einsatzes im Kopf haben, aber manchmal wird man schon etwas an die Serie „Hubert und/ohne Staller“ erinnerte. Warum? Dazu muss ich etwas ausholen:

Der Beschuldigte verließ am Tattag das psychiatrische Krankenhaus und begab sich mit einem Messer in der Hand auf öffentliches Gelände vor dem Eingang. Dort wurde er von einer Polizeistreife empfangen und mit gezogener Waffe aufgefordert, dieses abzulegen. Durch seine Krankheit zeigte er allerdings keine Reaktion. Eine weitere Streifenbesatzung kam hinzu, und forderte den Beschuldigten ebenfalls mit gezogener Waffe auf, das Messer wegzulegen und sich zu ergeben. Auch das führte nicht zum gewünschten Erfolg. Kurz darauf kam eine Zivilstreife zum Ort (eine Kreuzung) und wurde von den eigenen Kollegen angeschrien, da sie sich erst im zweiten Anlauf zu erkennen gaben.
Nachdem das geklärt war, überlegten sich die Beamten der Zivilstreife, den Beschuldigten anzufahren und somit gefechtsunfähig zu machen.  Da sie allerdings ein neues Fahrzeug fuhren, waren sie nicht sicher, ob das überhaupt möglich wäre oder vorher der eingebaute Kollisionsschutz greifen würde. Kann natürlich passieren!
Sie entschieden sich dazu, ihn von der Seite anzufahren. Dies klappte auch und der Beschuldigte rutschte über die Motorhaube und kam zu Fall. Nun hätte es eigentlich zu Ende sein können, war es aber nicht. Der Beschuldigte lag auf der Beifahrerseite auf dem Boden und griff nach dem Messer. Der Beifahrer bekam dies mit, zückte sein Pfefferspray und versuchte (natürlich bei geöffnetem Fenster) den Beschuldigten zu treffen. Doch dies scheiterte, da der Wind ungünstig stand und das Spray zurück ins Auto getragen wurde. „Ich habe dann rausgepfeffert und die leere Dose danach in den Beifahrerraum geworfen“ wie der Polizist erläuterte, dann kam die Pfefferspraywolke auf ihn zu. Derweil stand der Beschuldigte ca. zwei Meter entfernt wieder auf seinen Beinen und kam auf den Beifahrer zu. „Ich griff nach dem Schalter (um das Fenster zu schließen), doch ich habe ihn in der Eile nicht erwischt. Wissen sie, man ist auch in den Sitz gepresst, mit dem Gürtel und an die Waffe kam ich auch nicht. Gott sei dank hat der Fahrer reagiert und ist davongefahren“. Daraufhin näherte sich der Beschuldigte einer Polizeibeamtin, die einen Schuss abgab, der ihn allerdings verfehlte. Fast im gleichen Moment ertönte der Warnschrei eines Kollegen, da sie sich im potenziellen Schussfeld befanden. Der Beschuldigte lief weiter in Richtung Beamtin, bis diese flüchtete. Daraufhin wandte er sich den anderen Polizisten zu, die mehrere Schüsse abgaben, von denen einer den Beschuldigten am Oberschenkel streifte, ein weiterer diesen traf. Der Beschuldigte wurde entwaffnet und natürlich ärztlich versorgt. Zusätzlich war übrigens noch eine Praktikantin im Polizeifahrzeug, der man zwischenzeitlich die Maschinenpistole in die Hand gedrückt hatte. Natürlich war sie an der Waffe ausgebildet, aber dennoch stelle ich es mir etwas merkwürdig vor.
Ihr könnt Euch vorstellen, dass ich an leicht an eine Polizeikomödie erinnert wurde? Aber wenn es etwas nach Slapstick aussieht, die Umstände sind natürlich tragisch, darüber müssen wir nicht reden und die Beamten befanden sich in einer Ausnahmesituation und machten ihre Arbeit. Auch wenn die Schilderungen zwischenzeitlich etwas leicht Komisches hatten.

Zurück zur Verhandlung. Weitere Zeugen wurden vernommen und schließlich auch das Gutachten vorgetragen. Bis dieses erstellt wird, dauert es normalerweise eine gewisse Zeit (bis hin zu Monaten). In diesem Fall war es anders, der Gutachter konnte, evtl. auch auf Grund der Vorerkrankung, recht schnell eines anfertigen. Er bestätigte die Krankheit, die laut Gutachten mit „klassischen Symptomen“ einhergeht. Nachdem nun alle Zeugen und der Gutachter vernommen wurden und sonstige formelle Dinge erledigt waren, folgten die Plädoyers. Wie immer, zuerst die Staatsanwaltschaft und im Anschluss die Verteidigung. Grundsätzlich möchte die Staatsanwaltschaft natürlich alle Punkte, die bereits in der Anklageschrift aufgeführt sind, auch anbringen. Von gefährlicher Körperverletzung mit erheblichen Folgen (§ 224 StGB), Tätlicher Angriff auf Vollstreckungsbeamte (§ 114 StGB), über Bedrohung (§ 241 StGB) und Versuch der gefährlichen Körperverletzung (§ 226 StGB), um nur einige zu nennen. Dabei wird übrigens jede Person (also z. B. die Beamten, die Ärzte,…) eigenständig betrachtet. Das heißt also im Umkehrschluss auch wieder, pauschale Urteile a la „der hat doch alle bedroht“ gibt es nicht. Das ist was, was mich – egal ob Berufungs- oder jetzt die in der ersten Strafkammer – fasziniert: Es handelt sich immer um Einzelbetrachtungen und selbst bei einem konkreten Fall gibt es keine pauschale Lösung. Was es auf der einen Seite kompliziert und langwierig machen kann, aber grundsätzlich unstrittig ist, um schließlich die Schuldfrage zu klären.

Die Staatsanwaltschaft forderte eine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus (§ 63 StGB). Was die Verteidigung (natürlich) anders sah. Man muss dazu sagen, dass einige Straftaten auch in einer Grauzone liegen. Nur als Beispiel: Wann kommt es zu einer Nötigung? Dies herauszufinden ist somit Aufgabe der Kammer.

Nachdem der Beschuldigte das „letzte Wort“ hatte (er hatte allerdings nichts mehr dazu gesagt), zogen wir uns zur Beratung zurück und kamen zu dem Ergebnis, dass der Beschuldigte auf Grund seiner Krankheit schuldunfähig ist (wobei die Taten theoretisch eindeutig gewertet werden können), aber eine Anordnung nach § 63 StGB in einem psychiatrischen Krankenhaus erfolgt. Interessehalber wollte ich wissen, wie lange so eine Unterbringung denn überhaupt andauert. Dies kann man auch wieder nicht pauschal beantworten, denn es ist immer abhängig vom Krankheitsverlauf des jeweiligen Patienten. Durchschnittlich würde eine Behandlung von paranoider Schizophrenie ca. 5,5 Jahre andauern. Eine „Überprüfung“ des Patienten erfolgt in einem jährlichen Zyklus, immer in Abstimmung mit den Ärzten und dem Gericht (dafür ist eine andere Kammer zuständig).

Über den ganzen Fall haben wir zu Hause gesprochen und die örtliche Tageszeitung hat darüber berichtet, natürlich mit dem ein oder anderen Aufhänger. Das führte uns zum Thema „Medienkompetenz“. Wie unterschiedlich man solche Gerichtsfälle beschreiben kann je nach Art des Mediums. Von sachlich-neutral über leicht übertrieben bis hin zu extrem reißerisch. Die „Zeitung“ mit den vier Buchstaben und den großen Überschriften hätte mit Sicherheit die Hälfte falsch geschrieben bzw. sehr viel Luft für Interpretationen gelassen. Wir sind zu dem Entschluss gekommen, dass dieser Fall perfekt für eine Lehrstunde in Sachen Medienkompetenz an Schulen sein könnte. Aber das ist natürlich wieder ein anderes Thema.

Traditionelle Handwerkskünste – vom Spessart bis nach Japan

3. Februar 2021 | Keine Kommentare | Schlagwörter: , , ,

Es war einmal vor (mittlerweile) langer Zeit, als ich noch im Spessart lebte. Ein kleiner Ort, jeder kennt jeden und den Dialekt verstehen fast nur die Einheimischen. Denn in einem Dorf weiter wird bereits ein etwas anderer Dialekt gesprochen. Die Fenster konnte man getrost gekippt lassen, denn Nachbarn hatten immer ein Auge auf die Umgebung. So ist es (vermutlich) heute auch noch in „meinem“ kleinen Dorf. Und was gibt es im Spessart zuhauf? Holz! Holz war uns schon immer heilig. Also heilig ist vielleicht etwas übertrieben, aber im Spessart gelten beispielsweise noch uralte Holzrechte, das „Spessartrecht“, und viele Bürger besitzen sogar ein eigenes Stückchen Wald. Als Jugendlicher war ich natürlich mit im Wald und half, wenn Holz gemacht wurde. Das passierte immer erst im Winter, um die Natur bzw. die Tiere zu schonen. Und so kam ich bereits früh in Kontakt mit Holz. Bis heute bin ich begeistert von diesem Werkstoff. So begeistert, dass ich damals eine Ausbildung zum Schreiner (norddeutsch: Tischler) gemacht habe und mich seither Schreinergeselle schimpfen darf.
Was mich damals dazu bewogen hat, war die Liebe zum Werkstoff Holz, aber auch die Möglichkeit, meine Kreativität auszuleben. Holz ist ein relativ leicht zu bearbeitender Werkstoff und ich bin heute noch dankbar, dass mir die Vorgesetzten und Berufschullehrern viele Freiheiten ließen. Ob es an der CNC-Fräse war oder beim Fertigen des Gesellenstücks – ich durfte quasi alles machen, was mir in den Sinn kam. Woran ich mich noch gut erinnere, ist ein Auftrag unserer Firma für den Bau eines Messestandes, der anschließend nach Japan übersendet wurde. An die Details kann ich mich nicht mehr genau erinnern, aber es war eine Einzelanfertigung und sehr detailliert ausgearbeitet. Tetris-Fähigkeiten zahlten sich damals schon aus, denn der 40 Fuß (12,192m) große Überseecontainer bzw. Schiffscontainer wurde bis unter die Decke beladen. Ein paar Wochen später ging es auf die Reise nach Japan, das war schon eine Ehre für mich als Azubi.

Eine schöne Erinnerung. Was mir im Zusammenhang mit der Schreinertätigkeit besonders im Kopf geblieben ist, ist die japanische Handwerkskunst. Als Schreiner nutzen wir unterschiedlichste Werkzeuge, die natürlich nicht mit dem günstigen Handwerkszeug aus dem Baumarkt zu vergleichen sind. Ein Schreiner arbeitet im Bereich von Millimetern und somit wird gutes, scharfes und langlebiges Werkzeug benötigt. Als Beispiel nehmen wir eine Fingerzinkung. Die lässt sich auch maschinell fertigen …sieht aber auch dementsprechend aus. Im klassischen Stil wird eine Fingerzinkung mit einer scharfen „Japansäge“ und einem Stechbeitel durchgeführt. Die Form der Sägen ist unterschiedlich, aber meistens handelt es sich dabei um ein sehr dünnes Sägeblatt mit Zähnen in leichter Keilform. Diese sollten perfekt geschliffen sein und dementsprechend sehr scharf. Die Stechbeitel wurden übrigens immer per Hand geschärft und als Qualitätsmerkmal zur Schärfe mussten die Haare auf der Handoberfläche dran glauben.

Bei den ganz ursprünglichen Japansägen kommt die traditionelle, herausragende japanische Schmiedekunst zum Tragen. Die ihren Höhepunkt in der Fertigung von Samurai-Schwertern findet. In der japanischen Region Setouchi im Südwesten des Landes wird genau diese Tradition großgeschrieben.
Die Setouchi-Region formt das größte Binnenmeer in Japan, umgeben von den Präfekturen Hyogo, Okayama, Hiroshima, Yamaguchi, Tokushima, Kagawa und Ehime. Eine wunderschöne Seenlandschaft und äußerst vielfältige Gegend, in der man z.B. vier Weltkulturerben findet, 275 Sake-Brauereien (hehe) und mit 900.000 Hektar den ersten offiziell ausgewiesenen Nationalpark Japans, wobei bei der Größenordnung von einem „Park“ zu sprechen ja schon etwas untertrieben ist. Das Gebiet hat darüber hinaus einen jahrtausendalten Ruf für die Herstellung der besten Klingen Japans.

(Bild von Bizen Osafune)

Vor Ort, genauer gesagt in der Präfektur Okayama, befindet sich ein Schwertmuseum namens Bizen Osafune. Dort sind Schwerter (Katana) aus einem Zeitraum von über 1000 Jahren ausgestellt. Ein Katana war eigentlich immer schon eine Mischung aus Waffe und Kunstwerk. So kann man in den zugehörigen Werkstätten des Museums dem Schmiedeprozess beiwohnen, quasi von den Rohstoffen Eisenerz, Holzkohle (aus der regionalen Rotkiefer) und Wasser, die alle zur Genüge in Setouchi zu finden sind, bis hin zur Klinge. Alleine die Herstellung eines Katana dauert Tage, wenn nicht sogar Wochen. Außerdem können nur Handwerker, die eine Prüfung der Japanischen Agentur für kulturelle Angelegenheiten bestanden haben, in Japan zu Schwertschmieden werden – und selbst dann können Schwertschmiede höchstens 24 Schwerter pro Jahr herstellen, da die Vorschriften verlangen, dass jedes traditionelle Katana 15 Tage aktive Arbeit in Anspruch nimmt. Eine Handwerkskunst, die bis heute fortgeführt wird, die berühmten Bizen Katanas kann man nach wie vor käuflich erwerben.

Aber nicht nur die Herstellung gehört zum traditionellen Handwerk, sondern auch die Kunst des Schärfens. Da muss ich automatisch wieder an das Schärfen unserer Stechbeitel denken. Wobei Katanaklingen mit Sicherheit wieder ganz andere Bewegungen benötigen als der klassische Stechbeitel. Zum Vergleich: Unsere Stechbeitel waren maschinell bereits vorgeschliffen und wir mussten damals „nur“ noch den Feinschliff per Hand tätigen. Dies dauerte zwischen 30 Minuten und manchmal auch eine Stunde bis Zufriedenheit herrschte. Für eine (Katana)klinge wird hingegen eine Dauer von ca. 120 Stunden (!) gerechnet – von der Rohklinge inkl. Schärfens. Aber das ist noch nicht alles, denn die Klinge muss noch eingefasst werden. Traditionell geschieht das auch in Handarbeit. Magnolienholz hat dafür die richtigen Eigenschaften: Optisch zurückhaltend, dafür hart und gut zu verarbeiten. Neben der Härte spielt(e) die gute Verarbeitung eine wichtige Rolle. In der Regel werden die Griffe noch mit verschiedenen Verzierungen und Gravuren versehen, früher schon Symbole für Reichtum und Rang. So kommen in einem Katana verschiedene Handwerke zusammen.

Sollte es mich einmal nach Japan verschlagen – was ich sehr hoffe – dann ist ein Besuch in diesem Museum Pflicht!

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