Der Weg ist das Ziel – die Verpeilspitze im Pitztal (Teil 2)

6. November 2018 | 2 Kommentare | Schlagwörter: , , , ,

Also weiter im Text mit der Bergtour zur Verpeilspitze. Im ersten Post zur Pressereise ins Pitztal hatte ich Euch bereits vom Cottbuser Höhenweg berichtet. Ziel war die Kaunergrathütte, wo eine Übernachtung geplant war, bevor es dann weiter auf die Verpeilspitze gehen sollte. Wir hatten die Hütte jedoch noch nicht erreicht, als es passierte.
Stellt es Euch so vor: Die Hütte fast schon in Sichtweite, das weitläufige Kar, der schmale Weg, das Hochgebirge. Und zack, von (fast) einem Meter auf den nächsten herrschte bei mir akuter Sauerstoffmangel. Was war das denn? Warum fiel die Atmung so derart schwer? Nicht, dass ich mitreden kann (zum Glück), aber es fühlte sich so an, als hätte ein Lungenflügel die Arbeit komplett eingestellt und der zweite arbeitete nur noch zu 50%. Ich drosselte das Tempo, doch die Atmung wurde nicht besser. So dass nur noch eine Rast helfen konnte. Gesagt getan und ein paar Minuten ruhig durchgeatmet. Dabei habe ich etwas Flüssigkeit zu mir genommen und den Kreislauf versucht mit Traubenzucker in Schwung zu bringen. Quasi als Notfallmaßnahme. Doch auch das half nur äußerst kurzfristig. Das Atmen fiel weiterhin sehr schwer und dann machten sich auch noch leichte Kopfschmerzen breit. Erster Gedanke „F*ck, was soll diese Kacke – noch nicht einmal ganz die 3000m erreicht“. Doch mein Körper schien in eine andere Richtung zu wollen. Fredl, einer unserer Bergführer, und Matthias vom Wanderkurier blieben an meiner Seite. An dieser Stelle ein dickes Dankeschön für die Unterstützung!

Das war sie also, diese Höhenkrankheit. Zumindest die ersten Anzeichen davon. Auch wenn wir uns „nur“ auf ca. 2600m befanden, so hat es mich doch das erste Mal überhaupt in den Bergen zerrissen. Eine sehr ungewohnte Erfahrung, aber das kann unter verschiedenen Voraussetzungen vorkommen. Zum Beispiel auch, wenn man früher in den Bergen war und dann einige Jahre pausiert hat, zu schnell aufsteigt und nicht ausreichend akklimatisiert ist.
Einmal ist immer das erste Mal. Das brauche ich zwar nicht nochmal, aber lieber im Beisein der erfahrenen Bergführer, als alleine auf dem Weg zum Similaun. Der ja übrigens auch noch auf mich wartet. Anyway, der Point of no Return war überschritten, die Hütte in Sichtweite, der Weg nach unten zu lang. Also weiter nach oben, ganz langsam und mit zahlreichen Pausen bis zur Kaunergrathütte. Ab diesem Zeitpunkt war von Genuss der schönen Landschaft leider nicht mehr viel übrig, denn das einzige Ziel war Ankommen an der Hütte. „Und wenn ich auf allen vieren da oben eintreffe…“ war mein Gedanke, denn jeder Schritt war Quälerei. Zum Glück war es dann irgendwann auch geschafft!

Weg zur Kaunergrathütte im Pitztal

Kaunergrathütte im Pitztal

Erst einmal ankommen, Schuhe aus und den Zuckerhaushalt auf Vordermann bringen. Später noch das Lager beziehen und in der Runde lecker esse. Mein Körper war doch relativ schnell wieder auf halbwegs normalem Level. Daher hatte ich auch die Muße, den Sonnenuntergang zu genießen.

Sonnenuntergang auf der Kaunergrathütte im Pitztal

Schon im Vorfeld hatte ich mich gefreut, endlich mal wieder auf einer Hütte zu schlafen. Es ist schon etwas ganz Besonderes in den Bergen zu übernachten. Und es hat sich gegenüber früher einiges getan an Komfort. Die Betten- bzw. Matratzenlager haben ein besonderes Flair und sind für Übernachtungen im Rahmen einer Bergtour super und mehr als ausreichend. Die Mahlzeiten auf der Hütte sind ein Gedicht! Und das sage ich jetzt nicht nur aufgrund meiner körperlichen Verfassung. Wenn man zudem noch beachtet, dass das ganze Material per Helikopter oder (notfalls) zu Fuß auf diese Höhe gebracht werden muss, wird einem erst einmal so richtig bewusst, was es für eine Leistung ist, so eine Hütte zu managen. Das Schöne ist, dass die überwiegende Anzahl an Gästen das auch zu schätzen weiß und gerade deswegen vermutlich auch gerne auf Hochgebirgshütten nächtigt bzw. speist.
Ich werde Euch demnächst mal einen Blogpost dazu verfassen, was man für eine Hochgebirgstour mit Hüttenübernachtung braucht. Gut Ding will aber schließlich Weile haben.
Kommen wir erstmal zurück zur Kaunergrathütte und der Verpeilspitze. Am nächsten Morgen wartete vor dem leckeren Frühstück noch ein schöner Sonnenaufgang auf uns. So, wie man ihn nur nach eine Hüttenübernachtung genießen kann.

Sonnenaufgang auf der Kaunergrathütte im Pitztal

Sonnenaufgang auf der Kaunergrathütte im Pitztal

Aufstieg zur Verpeilspitze im Pitztal

Aussicht auf dem Weg zur Verpeilspitze im Pitztal

Die Kaunergrathütte im Pitztal von oben

Zwar war die Nacht gut und mein Körper fühlte sich wieder fitter an, doch nach dem gestrigen Tag und der milden Höhenkrankheit schraubte ich mein persönliches Ziel runter. Ich entschied mich, nicht bis ganz oben auf die Verpeilspitze mit zu gehen, wollte aber auf jeden Fall noch die 3000m Marke erreichen. Das waren von der Hütte aus noch 200 Höhenmeter, aber trotzdem anstrengend, und ich war froh, als ich es geschafft hatte. Die Entscheidung, anschließend umzudrehen, war definitiv die richtige. Der weitere Weg zur Verpeilspitze wäre in meiner Verfassung schlichtweg unmöglich bzw. nur sehr schwierig gewesen. Auf den letzten Metern zur Spitze geht es über ausgesetzte Passagen, viel Geröll, Steige und Kletterei bis Stufe II+. Für mich hieß es daher zurück zur Hütte und auf die anderen warten. Vielen Dank auch, lieber Körper!
Nach einer Weile kam Wolfgang, unser Naturparkführer, mit einem weiteren Teilnehmer unserer Runde ebenfalls zurück und wir machten uns gemeinsam an den Abstieg. Wolfgang lief wieder zur Höchstform auf, er sammelte Blumen und Kräuter, um diese bei einer kleinen Rast zu beschreiben und erklärte und zeigte alles, was uns interessierte. Das Wetter war mittlerweile auch nur noch traumhaft und der Körper spielte wieder mit. Somit ging eine herrliche Hochgebirgstour im Pitztal gut zu Ende. Und das trotz der „kleinen“ Lappalie.

Abstieg von der Verpeilspitze im Pitztal

Abstieg von der Verpeilspitze im Pitztal

Kräuterkunde mit Wolfgang Schranz im Pitztal

Der Rest der Truppe hat noch das obligatorische Gipfelfoto auf der Verpeilspitze geschossen und kam dann geschafft, aber begeistert, zurück. Zum Schluss bin ich Euch noch eine Erklärung schuldig, warum die Verpeilspitze eigentlich Verpeilspitze heißt. Es hat nicht mit „Verpeiltheit“ zu tun. Sondern kommt aus dem rätoromanischen und bedeutet soviel wie „verborgenes Tal“ und „schwer erreichbar“.

Alles in allem eine toll organisierte Tour, eine herrliche Gegend und der ein oder andere Gipfel im Pitztal, dem „Dach Tirols“, wartet halt nun noch ein bisschen länger auf mich.

 

In Kooperation mit dem Pitztal – Danke!

Der Weg ist das Ziel – die Verpeilspitze im Pitztal (Teil 1)

22. Oktober 2018 | Keine Kommentare | Schlagwörter: , , , ,

Endlich wieder in die Berge! Endlich wieder ins Hochgebirge! Endlich mal wieder auf über 3.000 Höhenmeter! Das war der Plan für ein paar Tage wandern in Tirol.
Wie Ihr wisst, sind die Berge für mich etwas ganz Besonderes. Quasi zum Teil aufgewachsen im Ötztal, habe ich damals meinen ersten Steinbock auf dem Weg zur Hohen Geige gesehen. Daran kann ich mich noch sehr gut erinnern, denn er stand auf einem Felsvorsprung und war mehr als deutlich zu sehen. Es war ein imposantes Männchen und strotzte nur so vor Stolz, als wolle er sagen „Das sind meine Berge und ich bin hier der König!“.

Die Hohe Geige liegt zwar in den Ötztaler Alpen, ist aber vom Pitztal aus zu besteigen. Pitztal? Das Pitztal liegt zwischen dem Ötz- und dem Kaunertal in den Ostalpen. Schon bei der Einfahrt ins Tal bietet es einen Blick auf steil aufragende Felsen und geniale Wasserfälle. Nicht zu überlaufen, gleichzeitig eng, aber doch nicht zu eng. Je weiter man ins Tal fährt, desto näher rückt der Talabschluss. Vergleichbares zu finden ist mir (Stand jetzt) nicht leicht. Für mich hat es ziemlich Eindruck hinterlassen. Und das trotz schlechterem Wetter. I like.
Apropos Wetter – dieses Jahr hatte ich einfach kein Glück, was die Kombination aus Alpen und gutem Wetter angeht. In Südtirol kam ein heftiges Gewitter dazwischen und im Ötztal anschließend der Regen, der mich von der Wanderung zum Similaun abhielt. In Kärnten war es dann vor allem der Nebel, der uns einen Strich durch die herrlichen Aussichten machte. Nun also schon wieder. So dachte ich zumindest noch. Wie wir später feststellen konnten und man ja weiß, ändert sich das Wetter in den Bergen super schnell. Außerdem ist das Pitztal insgesamt sehr niederschlagsarm. Das wusste ich vorher noch nicht. Nur eine von vielen interessanten Facts, die wir von unseren Begleitern erhielten. Aber dazu später mehr.

Das Ziel unserer Pressereise war die 3.425m hohe Verpeilspitze. Das bedeutet Aufstieg ins Hochgebirge und eine Übernachtung auf der 2.817m hohen Kaunergrathütte. Diese befindet sich auf dem Weg zur Verpeilspitze und ist entweder zu Fuß oder alternativ mit dem Hubschrauber zu erreichen. Bekanntlich ist aber der Weg das Ziel. Und so startete Tag 1 unserer Pressereise mit einem ausgedehnten Frühstück. Schließlich sollte man nie mit leerem Magen loslegen!
Alfred (Alfi) Dworak von der Bergführervereinigung Pitztal gesellte sich schon am Vorabend zu uns und zum Frühstück ebenfalls. Er sprach mit uns die Route durch und die Checkliste zur Tour wurde abgehakt. Erstes Ziel war die Rifflseebahn, um anschließend auf 2.232 m eine Floßfahrt zu unternehmen. Das ist doch mal etwas! Naja, fast. Wir waren zwar am Rifflsee und auch auf dem Floß, aber das Wetter war für eine Ausfahrt einfach zu schlecht. Leider. Dafür war Zeit für zahlreiche Fragen. Gleich zwei Superlative treffen hier aufeinander. Zum einen ist der Rifflsee der höchstgelegene
(Berg-)See in Österreich und zum zweiten ist die Fahrt auf dem See die höchstgelegene Floßfahrt in ganz Europa!

Schnee am Rifflsee im Pitztal 2018

Aussicht am Rifflsee im Pitztal

Seekogel Floß auf dem Rifflsee im Pitztal

Seekogel Floß auf dem Rifflsee im Pitztal

Schneemann auf dem Floß am Rifflsee - Pitztal

Aber nicht nur die Infos um den See sind spannend, sondern auch das Floß bzw. der Bau selbst. Erfahrungen waren zu Beginn nämlich keine vorhanden, man wusste sich aber zu helfen. Holzstämme zusammenbinden, Podest mit ein paar Bänken drauf, Motor dran und schon war die Idee umgesetzt. Was so leicht und schnell klingt, ist in Wirklichkeit natürlich sehr viel Handarbeit, verbunden mit Geduld bzw. Zeit und Tüftelei. Auch beim Antrieb wurde lange überlegt, denn die Nachhaltigkeit sollte nicht zu kurz kommen. Die Lösung: Ein Elektro-Außenborder. Leise und somit perfekt für eine Floßfahrt, umweltschonend und langlebig. Wie ich finde, eine super Idee!
Vom Ufer aus gesehen ist das Panorama bereits atemberaubend, wie wird es dann erst auf dem See sein? Noch dazu mit einer leckeren Brotzeit und Getränken. Stelle ich mir genial vor. Saisonbedingt wird es zwar dieses Jahr mit der Floßfahrt nichts mehr, dafür heißt es 2019 wieder: Floß ahoi! An dieser Stelle habe ich einen Wunsch an Euch. Falls jemand diese Floßfahrt am Rifflsee schon mal getätigt hat oder gerade plant, sagt mir bitte Bescheid, wie es Euch gefallen hat. Entweder in den Kommentaren, per Mail, Brieftaube oder wie auch immer. Danke!

Am Rifflsee ging unsere Tour los, der Aufstieg zur Kaunergrathütte stand bevor. Dieser erfolgte über den Cottbuser Höhenweg. Neben Alfi begleiteten uns Fredl (Alfred Schrott) ebenfalls von der Bergführervereinigung Pitztal und Wolfgang Schranz. Wolfang ist mittlerweile 70 Jahre jung, war bereits auf allen 84 Dreitausendern (!) und ist Naturparkführer in der Region Kaunergrat. Mehr geballte Erfahrung ist echt nicht möglich. Mit diesen drei ultimativen Guides machten wir uns auf den Weg zur Hütte.
Ein schöner Weg zunächst durch die grünen Hänge und fast immer mit einem herrlichen Blick ins Tal. Zwischendurch ein kurzer mit Drahtseil gesicherter Steig. Hört sich schlimmer an, als es ist. Gut, Trittsicherheit ist natürlich das A und O und bei Touren ins Hochgebirge Pflichtsache. Am besten gepaart mit Schwindelfreiheit und natürlich der richtigen Ausrüstung. Aber eigentlich verstehen sich diese Punkte von selbst, wenn man in Richtung 3000 Höhenmeter unterwegs ist.
Eine kleine Anekdote dazu: In meinen jüngeren Jahren ging es auf den im Nachbartal gelegenen 2813m hohen Gamskogel. Man muss dazu wissen, dass verschiedene Wege auf den Gipfel führen, aber dennoch jeder seine Eigenheiten hat. Schon fast am Gipfel trauten wir unseren Augen nicht, als ein Pärchen mit Sandalen den Weg kreuzte. Richtig, mit Sandalen! Es muss schon jeder selbst wissen, was er tut, aber so etwas muss doch nicht sein. Man bringt ja nicht nur sich selbst in Gefahr, sondern auch (im Falle des Falles) seine Retter. Bei Unsicherheiten zur Ausrüstung kann man bei der Bergführervereinigung nachfragen. Safety first! Ich werde Euch demnächst auch mal ein paar Tipps hier auf dem Blog zusammenstellen, denn was ich so mitkriege, ist Wandern doch bei einigen von Euch ein Thema.
Kommen wir aber zurück zum Cottbuser Höhenweg:

Einstieg zum Cottbuser-Höhenweg vom Rifflsee im Pitztal

Der Cottbuser-Höhenweg im Pitztal

Steig am Cottbuser-Höhenweg im Pitztal

Kletterpassage-Cottbuser-Höhenweg im Pitztal

Rast mit Aussicht auf dem Cottbuser-Höhenweg im Pitztal

Alfred (Alfi) Dworak von der Bergführervereinigung Pitztal

Alfi und Fredl standen mit zahlreichen Tipps und Tricks rund um die Berge und allem, was dazu gehört (Gipfelkunde/Eisklettern/Ausbildung zum Bergführer usw.), zur Verfügung. Wolfgang hingegen mir seiner unglaublichen Erfahrung in Sachen Flora und Fauna. Vermutlich kennt er jeden Stein und jede Pflanze im Pitztal persönlich – mit Vor- und Nachnamen sowie Familienstammbaum. Oder so. Zum Beispiel wächst eine Flechte in dieser Region nur sehr langsam. So grob gesagt hat in diesen Höhen 1 Quadratzentimeter Flechte ca. 60 Jahre auf dem Buckel. Faszinierend, oder? Auch Gletscherkunde gehört zu seinem Repertoire. Ob Hängegletscher, verschiedene Moränen oder der Gletscherfloh, zu allem weiß er interessante Geschichten. Nicht zu vergessen die verschiedenen essbaren Pflanzen und ihre jeweiligen Erkennungsmerkmale. Wir wollen ja schließlich nicht die falschen Pflanzen zu uns nehmen. Also ich kann Euch eine Tour mit einem Bergführer aus der Region nur mehr als ans Herz legen, man nimmt unglaublich viel mit und wird so eine Tour so schnell nicht vergessen!
So machten wir uns gemeinsam auf den ca. 7,4 km langen Weg mit geplanten 3,5 Stunden Gehzeit zur Kaunergrathütte. Es waren 863 hm im Anstieg und 340 hm im Abstieg. Wie bereits erwähnt mit einem kleinen Stück mit Gurt und Sicherung am Drahtseil. War vielleicht nicht immer nötig, doch wir waren schließlich in einer Gruppe unterwegs und da liegt die ganze Verantwortung bei den Bergführern. Außerdem hatte es in der Nacht geschneit und einige Reste der weißen Pracht waren noch vorhanden. Deshalb galt auch hier die Devise „Safety first!“. Sobald diese Passage geschafft ist, führt der Weg immer weiter Richtung Hütte. Über Blöcke, eine leichte Umleitung (der ursprüngliche Weg ist wegen Steinschlag gesperrt) in ein weitläufiges Kar. Die Hütte ist dann auch nicht mehr so weit. Aber dann passierte es….!

 

In Kooperation mit dem Pitztal – Herzlichen Dank!

Zirben-Zauber am Dach Tirols – Gastbeitrag

23. Juli 2018 | Keine Kommentare | Schlagwörter: , ,

Die Zirbe ist der Trendbaum schlechthin. Am Hochzeiger im Pitztal kann man ihn in all seinen Facetten kennenlernen. Und in Workshops den eigenen Zirbenschnaps kreieren

Der Anfang ist klar. Man nehme drei bis vier Zapfen und vierteile sie. Doch danach fangen die Fragen schon an. Sollen die Zirbenviertel in Korn eingelegt werden oder in Wodka? Obstler oder weißer Rum? Gehört zwingend eine Zimtstange dazu oder eher Vanille? Brauner oder weißer Kandiszucker? Gewürznelken vielleicht? Oder nichts von allem? Sogar bei der Lagerung des Angesetzten gehen die Meinungen auseinander. Die einen schwören auf Tageslicht, weil so die Kraft der Sonne in den Schnaps ziehen soll, die anderen haben es lieber dunkel. Aber ob nun in Wodka, mit Zimt oder im Hellen, in einem sind sich die Experten dann wieder einig: Das Schwierigste und Anstrengendste beim selbstgemachten Zirbenschnaps ist das Warten. Etwa vier Wochen dauert es, bis der rote Saft der Zirbe ausgetreten ist und sie ihr unverwechselbares Aroma entfaltet hat. Mit oder ohne Licht. Sehr zum Wohle! Oder: sane cum cembra!, wie der Lateiner sagt. Gesund mit Zirbe.

Zirbenbaum am Hochzeiger c Albin Niederstraser

zirbenapfen c Kunz PR

Am Hochzeiger im Pitztal, das über eines der größten geschlossenen Zirbenwälder Nordtirols verfügt, kann man all das und noch viel mehr lernen, ausprobieren und sogar mit nach Hause nehmen. Noch bis zum 23. August findet im Zeigerrestaurant ein Zirben-Kulinarik-Workshop statt. Interessierte können unter fachkundiger Anleitung ihren eigenen Zirbenschnaps ansetzen und dem Küchenteam bei der Verarbeitung und Zubereitung der Zirbe zuschauen. Denn aus der „Königin der Alpen“, wie die Zirbe auch genannt wird, kann man nicht nur Schnaps machen, sondern auch Zirbensuppe, Zirbensenf und Zirbenöl. Schon einmal Zirbencappuccino probiert? Oder eine Zirbenmarinade für den Grillabend? Kostproben gibt es vor Ort. Und, ach ja: Im Zeigerrestaurant am Hochzeiger nimmt man für den Zirbenschnaps Korn und nichts weiter. Außer die geviertelten Zirbenzapfen natürlich und vielleicht ein bisschen Kandiszucker.

Gleich neben dem Restaurant an der Mittelstation der Hochzeiger-Gondelbahn befindet sich der vor zwei Jahren eröffnete Zirbenpark – ein ebenso unterhaltsamer wie lehrreicher Rundweg, auf dem man alles über diese besondere Kieferart erfahren kann. Auf einem Kilometer Strecke sind 14 abwechslungsreiche Erlebnisstationen aufgebaut. Es fängt damit an, dass man seinen eigenen Zirbenkern in den Waldboden setzt, so wie es der Tannenhäher macht. Dieser Vogel, auch Gratsch gerufen, sorgt für das Überleben und die Weiterverbreitung  der Zirbe, wenn auch unfreiwillig. Er pickt die Kerne aus den Zapfen und versteckt sie für schlechte Zeiten im Boden. Allerdings findet er nur 80 Prozent seiner gebunkerten Kerne wieder. Zur Ehrenrettung des Tannenhähers muss man aber sagen, dass es rund 10.000 Verstecke sind, die sich der arme Vogel zu merken hat. Da kann schon mal der eine und der andere Kern aus dem Blick geraten. Außerdem wächst nur so eine neue Zirbe. Dem vergesslichen Tannenhäher sei Dank.

Keimlinge c Hochzeiger Bergbahnen Chris Walch

Die Zirbe wächst so langsam wie kein anderer Nadelbaum und blüht nur alle sechs bis zehn Jahre mit ihren fuchsiaroten Zapfen. „Bis auf 2200 Meter Höhe ist die Zirbe anzutreffen“, sagt Ernst Partl, der Geschäftsführer des Naturparks Kaunertal, zu dem das Pitztal gehört. Es ist die Kampfzone des Waldes, hier überleben nur die genügsamsten Bäume. Dafür ist die Zirbe extrem langlebig, sie kann bis zu 1.000 Jahre alt werden.

Im Sägewerk von Sepp Reinstadler in Jerzens, das als das Zirbendorf im Pitztal gilt, wird gerade ein Baum angeliefert. „Der hat locker seine vierhundert Jahre auf dem Stamm“, sagt der Chef. Gute Ware. Reinstadler war lange Zeit der Bürgermeister von Jerzens, danach hat er sich voll und ganz der Zirbe verschrieben. Mit seiner Frau Roswitha betreibt er das Sägewerk und mehr. Sie stellen naturreines, ätherisches Zirbenöl in ihrer hauseigenen Destillerie her, ansonsten verkaufen die beiden in ihrem Laden am Sägewerk alles, was die Zirbe hergibt. Und das ist eine Menge. „Früher hat man das Holz einfach verfeuert oder im Wald liegen lassen“, sagt Sepp Reinstadler.

Das passiert heute nicht mehr, dafür ist die Zirbe viel zu kostbar. Sie verströmt das aromatische Pinosylvin – ein Enzym, das auf die menschlichen Zellen wirkt, nachgewiesenermaßen beruhigt und die Herzfrequenz senkt. Klinische Studien belegen, dass man in Zirbenbetten oder mit Zirbenkissen tiefer schläft und pro Nacht rund eine Stunde Herzschläge einspart. Auch Asthmatiker wissen Zirbenholz zu schätzen. Die Zirbe ist der Trendbaum schlechthin. Zirbenbetten, Zirbenkissen – die Preise haben sich in den vergangenen Jahren vervielfacht. Immerhin kann man nach dem Workshop im Zeigerrestaurant seinen eigenen Zirbenschnaps machen. Zapfen, Korn, Kandis. Und dann: warten.

Zirbenjause c hochzeiger.com Daniel Zangerl

Zirbenschnaps c hochzeiger.com Poeham

 

Die Zirben-Kulinarik-Workshops finden bis 23. August jeweils donnerstags im Zeigerrestaurant statt. Die Teilnahme ist gratis, wer seinen selbstgemachten Zirbenschnaps mit nach Hause nehmen möchte, zahlt 15 Euro. Anmeldungen bis zum Vortag telefonisch unter +43 (0)664/ 610 43 21. www.hochzeiger.com, www.pitztal.com

 

Über das Pitztal:
Das Pitztal gilt als eines der schönsten und wildesten Seitentäler der Ostalpen. Es liegt zwischen Ötztal und Kaunertal und besticht durch familiäre Atmosphäre ebenso wie durch die Abgeschiedenheit seiner Bergwelt. Wer mag, erkundet die intakte Natur zu Füßen des höchsten Tiroler Gletschers (3440 m) auf eigene Faust oder schließt sich geführten Wanderungen an, die den ganzen Sommer über angeboten werden. Bei zahlreichen Festen sind Kultur und Brauchtum hautnah spürbar. In den vier Gemeinden Arzl, Wenns, Jerzens und St. Leonhard leben insgesamt 7400 Einwohner.

 

Weitere Infos: Tourismusverband Pitztal, Unterdorf 18, A-6473 Wenns
Tel. +43 (0) 54 14 86999, www.pitztal.com

Gastbeitrag von Björn Wirth

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