Natur pur – 30 Jahre Schutzgebiete in Mecklenburg-Vorpommern (Teil 1)

15. Oktober 2020 | Keine Kommentare | Schlagwörter: , , , ,

Auch wenn 2020 alles anders verläuft, als geplant, können doch in diesem Jahr einige Jubiläen und Jahrestage gefeiert werden. So wurden vor wenigen Tagen die Feierlichkeiten rund um die deutsche Wiedervereinigung, die sich in diesem Jahr bekanntermaßen zum 30. Mal jährt, begangen. Vor 30 Jahren habe ich noch nicht ganz so bewusst wahrgenommen, was das überhaupt bedeutete. Erst im Verlauf der Zeit wurde mir die Besonderheit dieses Ereignisses immer bewusster. Auch 30 Jahre später noch faszinierend und fast unglaublich, dass so ein einmaliger Schritt in Sachen Wiedervereinigung so umgesetzt wurde. Für mich persönlich gibt es auch keine Unterscheidung (politisch/kulturell,…) in Osten/Westen mehr, sondern nur ein gemeinsames „Wir“.
Im Zuge der Wiedervereinigung ist damals auch das „Grüne Band Deutschland“ entstanden, ein gemeinsames Naturschutzvorhaben mehrerer Bundesländer und mittlerweile der größte Biotopverbund in Deutschland. Eine weitere klasse Errungenschaft aus der Wiedervereinigung, wie ich finde! Zum „Grünen Band“ plane ich übrigens gerade mit zwei Bloggerkollegen ein Projekt, welches hoffentlich 2021 umgesetzt werden kann. Aber das nur eine kleine Vorschau am Rande.

Vor 30 Jahren wurde zudem das Nationalparkprogramm für Ostdeutschland verabschiedet und damit feiern die damals gegründeten Nationalparks in diesem Jahr ebenfalls Jubiläum. Einige Naturschutzgebiete durfte ich vor kurzem im schönen Mecklenburg-Vorpommern im Rahmen einer Pressereise besuchen.
Vor ca. 5 Jahren waren wir mal für einen privaten Kurztrip auf der Insel Rügen. Für mich der erste Besuch in der Gegend, der aber auf keinen Fall der letzte bleiben sollte. Wir besuchten ein paar klassische Touristenstopps, wanderten etwas über die Insel und spazierten am Strand. Aber wie immer sind solche Kurztrips (wie der Name schon sagt) einfach viel zu kurz und da ich ein neugieriger Mensch bin, kam diese Pressereise sehr gelegen. Ein weiterer Pluspunkt: Viel draußen in der Natur sein, „Hinter die Kulissen“ der Naturschutzgebiete schauen und (weltweit) einmalige Gegenden erkunden.

Gleich zu Beginn ging es für uns in eines der ältesten Naturschutzgebiete in Mecklenburg-Vorpommern: Die Insel Vilm. Die kleine Insel, vor der Südküste der Insel Rügen liegend, ist Kernzone des Naturschutzgebiets und Teil des Biosphärenreservats Südost-Rügen. Kernzone bedeutet, dass das Betreten der Insel NUR im Rahmen einer Führung und in Begleitung eines Rangers möglich ist (hier direkt buchbar). Und das auch nur in bestimmten Teilen der Insel im Rahmen einer kleinen, festgelegten Rundwanderung durch den alten Wald. Insgesamt dürfen pro Jahr maximal 300 Touren gemacht werden. Und das auch nur 2x am Tag mit maximal 30 Personen. Hier auf der Insel wird die Natur also sich selbst überlassen und somit gilt der Fleck als Rückzugsgebiet (seltener) Vogelarten. Aus diesem Grund ist die Insel ein ausgewiesenes Vogelschutzgebiet.


Mit der kleinen Fähre „Julchen“ unter Kapitän Andreas Kuhfuß fuhren wir zum Anleger auf der Insel. Andreas ist seit 14 Jahren Skipper und auch Inselguide. Also am besten nicht verlieren, sonst wird es mit der Rückfahrt schwierig. Vermutlich kennt er „seine“ Insel in- und auswendig. Mit an Bord hatten wir außerdem Steffen Sprenger, Ranger des Biosphärenreservates UNESCO-Biosphärenreservat Südost-Rügen. An sich ist die Insel Vilm seit ca. 600 Jahren so gut wie unberührt. Vor der Wende sollte die Insel als Naherholungs- bzw. Urlaubsgebiet von Parteigrößen dienen. Dazu wurden auch ein paar Häuser errichtet und mit allem Nötigen ausgestattet. Aber im Grunde genommen war die Insel auch zu dieser Zeit recht unberührt. Jetzt könnte man sagen „Wie konnten sie dort nur Häuser bauen?!“ – mittlerweile stellt sich dies als ganz nützlich heraus, denn die Häuser werden nun für die Internationale Naturschutzakademie des Bundesamtes für Naturschutz genutzt.

Die Eindrücke kann man gar nicht so leicht in Worte fassen, Ihr müsstet sie am besten einmal selbst erleben. Die Insel ist zum größten Teil waldbedeckt. Sobald man vor ca. 400 Jahre alten Bäumen steht, ist es sowieso dahin mit der Sprache, da hat man eine gewisse Ehrfurcht. Jedenfalls geht es mir so. Im Spessart kenne ich zwar auch ein paar Ecken mit sehr alten Eichen (u. a. meinen „Lieblingsbaum“), aber sie miteinander zu vergleichen ist nicht möglich. Insgesamt strahlt die Insel eine unglaubliche Ruhe aus, ob es im Wald ist oder an der Küste mit ihren unterschiedlichen Formen. Die Dauer unseres Rundgangs von ca. 3,5 Stunden vergingen wie im Flug – leider, denn es war megainteressant. Am liebsten wäre ich noch die Nacht vor Ort geblieben, um die Natur zu genießen. (<- ist natürlich verboten, aber träumen darf man ja). Gerade als die Abendstimmung langsam einsetzte und das Licht immer schöner wurde.
Historisch gesehen entstand diese kleine Insel übrigens vor ca. 3000 Jahren, als ein Sturmhochwasser sie von Rügen trennte. Jetzt stellt sich die Frage: Warum sind dann die Bäume „nur“ 400-500 Jahre alt? Die Insel war schon sehr früh besiedelt und im 16. Jahrhundert wurde einiges an Holz geschlagen. Um 1700 wurden dann schließlich wieder Bäume angepflanzt und die Natur weitestgehend in Ruhe gelassen.

Für uns ging es im Anschluss an den Rundgang mit Julchen wieder zurück aufs Festland. Wir kehrten nicht weit von der Anlegestelle in Lauterbach im Restaurant Kormoran ein, was ich Euch unbedingt ans Herz legen kann. Regionale Zutaten, frische, saisonale Gerichte, die sehr lecker zubereitet werden, den Gastgebern – Familie Jaich – liegt Nachhaltigkeit am Herzen. Sie sind schon 2011 als besonders umweltfreundliches Unternehmen im Biosphärenreservat zertifiziert worden. Leider war es zu fortgeschrittener Stunde und bereits dunkel, sonst hätten wir uns die schwimmenden Ferienhäuser und Pfahlhaus-Suiten angeschaut, die zum Unternehmen gehören. Vielleicht das nächste Mal. Hier ließen wir jedenfalls den Tag gemütlich ausklingen.

Neuer Tag – neuer Nationalpark. Am nächsten Tag ging es für uns in nördliche Richtung der Insel Rügen, zum Nationalpark Jasmund. Unsere Begleitung war kein geringerer als Prof. Dr. Hans Dieter Knapp, Geobotaniker und Landschaftsökologe, der vor 30 Jahren maßgeblich an der Ausweisung der Nationalparke und Biosphärenreservate in Mecklenburg-Vorpommern mitgewirkt hat. Er hat die Internationale Naturschutzakademie auf der Insel Vilm ins Leben gerufen und war dort von Beginn an bis 2015 als Leiter tätig. Des Weiteren ist er Präsidiumsmitglied in der Stiftung EuroNatur, welche sich für die Natur in ganz Europa u.a. auf politischer Ebene einsetzt. Ihr merkt schon, Professor Knapp ist wahrscheinlich DIE Koryphäe zum Thema Nationalparks und Naturschutzgebiete in Mecklenburg-Vorpommern und wir durften (sicherlich nur einen kleinen Teil) seines Wissens „anzapfen“, was wirklich genial war.
Die Wetteraussichten waren an diesem Tag eigentlich grauenhaft gemeldet (und Ihr wisst, etwas Regen macht mir nichts aus) – was zum Glück aber nicht eintraf. So machten wir uns auf den Weg zum wohl berühmtesten Eck auf Rügen: Dem Königsstuhl inklusive Nationalparkzentrum im Nationalpark Jasmund.
Bevor wir das Nationalparkzentrum von innen betrachteten, hieß es für uns erst einmal die Umgebung kennenlernen und eine kleine Wanderung durch den Buchenwald unternehmen. Genauer gesagt durch einen Teil des UNESCO-Weltnaturerbes „Alte Buchenwälder und Buchenurwälder der Karpaten und anderer Regionen Europas“. Man muss wissen, dass die Buche eigentlich in ganz Europa heimisch war und größte Teile unseres Kontinents bedeckte. Wie es leider oft der Fall ist, hat der Mensch dafür gesorgt, dass dies nur noch in ganz wenigen Regionen der Fall ist, denn ursprüngliche Buchen-Urwälder sind in Europa bis auf kleinste Reste verschwunden. So ist dieser Buchenwald im Nationalpark Jasmund auch eigentlich kein „richtiger“ Urwald, aber ein sehr alter Wald. Trotzdem ist der Buchenwald etwas ganz Besonderes und irgendwie mystisch. Dabei spielt bestimmt auch die Nähe zur Ostsee und das scheinbare Abfallen an der Kreideküste eine Rolle. Da solch uralte, naturnahe Buchenwälder sehr selten sind, gehören die wertvollsten von ihnen, so wie hier auf Rügen, zum Welterbe der UNESCO. Einen richtigen Buchen-Urwald im wirklich unberührten Sinn findet man übrigens nur noch in der Ukraine.

Apropos Kreideküste. Diese ist wirklich einzigartig in Deutschland und bereits seit ca. 200 Jahren als Ausflugsziel bekannt. Namhafte Künstler wie z.B. Caspar David Friedrich verewigten diese besondere Landschaft. In den 20er Jahren wurden hier noch Lizenzen zum Kreideabbau vergeben, aber dank dem Widerstand der Bürger wurde dies bald wieder beendet. Unser Weg führte uns zurück zum Nationalparkzentrum Königsstuhl. Vorbei an einem Mammutbaum (Sequoidendron giganteum), der 1886 mit einer Höhe von 2m gepflanzt wurde. Er war ein Geschenk aus dem westamerikanischen Yosemite-Nationalpark, übrigens einem der ersten Nationalparks weltweit. Mit seinen 134 Jahren ist der Mammutbaum noch eher ein Kind unter den Mammutbäumen. Ich war beeindruckt!
Im Nationalparkzentrum selbst ist alles zu finden, was man wissen möchte. Von der Erdgeschichte über die Entstehung bis hin zu den Lebewesen der Region. Super veranschaulicht und interaktiv. Für uns war die Zeit leider knapp bemessen, deshalb muss ich hier unbedingt nochmal in Ruhe hin! 2021 ist eine Sonderausstellung zum Thema „10 Jahre Welterbe“ geplant, vielleicht klappt es ja dann.
Noch eins: Beim Bau des Zentrums 2003 wurde viel Wert auf Nachhaltigkeit gelegt, denn das ganze Zentrum ist dank Photovoltaik und Erdwärme nahezu energieautark. Und es wird in die Zukunft investiert, so soll bald eine neue, schwebende Plattform den viel besuchten Königsstuhl erlebbar machen. Hintergrund ist, dass es den „klassischen“ Weg in ca. 5-10 Jahren nicht mehr geben wird. Durch die neue Plattform kann so eine alternative und dennoch der Natur angepasste Möglichkeit zur Besichtigung geschaffen werden.

Mittlerweile hatte es nun doch angefangen zu regnen und wir mussten auf unser Alternativprogramm umswitchen. Die Wanderung durch das Seedorfer Hügelland muss dann einfach bis zum nächsten Mal warten. Professor Knapp führte uns stattdessen durch verwinkelte Straßen, um schließlich Halt an einem der insgesamt sieben Großsteingräber zu machen. Diese Steingräber entstanden ca. 3500 bis 2800 v. Chr. und wurden mit Findlingen aus der letzten Eiszeit erbaut. Damals mit recht einfachen Hilfsmitteln und wenig physikalischen Kenntnissen. Wenn man bedenkt, dass ein einzelner Findling schon um die 4-8 Tonnen wiegen kann, ist das schon sehr bemerkenswert, wie damals gearbeitet wurde. Aber, wie wir sehen, sehr stabil und noch heute zu betrachten. Neben den Großsteingräbern wurde bei verschiedenen Ausgrabungen Werkzeug und andere Dinge aus dieser Zeit gefunden.
Leider gibt es aktuell noch kein zentrales Museum, welches die gesamten geschichtlichen Epochen erläutert und die gefundenen Gegenstände präsentiert. Glaube, das würde noch sehr gut zur Ergänzung passen und ich hätte mir schon gerne ein Beil aus der Steinzeit angeschaut. Aber vielleicht kommt das noch irgendwann.
Mit unserem kleinen Bus – an dieser Stelle ein dickes Dankeschön an unseren sympathischen Busfahrer Maik für die gute Fahrt und top Begleitung – fuhren wir anschließend noch zum Jagdschloss Granitz. Erbaut wurde das Schloss in den Jahren 1837 bis 1846 und es diente der Familie zu Putbus als reines Jagdschloss. Glücklicherweise wurde es weder im ersten noch im zweiten Weltkrieg zerstört und ist quasi noch in seiner ursprünglichen Pracht erhalten. Die Gegend um das Jagdschloss diente bereits damals als Rückzugsgebiet für Flora und Fauna und liegt heute inmitten des Biosphärenreservats Südost-Rügen. Da wir schon vor Ort waren, konnten wir uns im benachbarten Granitzhaus die (Zusatz-)Ausstellung zum Biosphärenreservat und der Region anschauen. Aktuell ist diese leider für den Publikumsverkehr geschlossen, ebenso der 38 Meter hohe Mittelturm mit seiner freitragenden Wendeltreppe im Schloss selbst. Aber auch dies wird sich wieder ändern, wenn es soweit ist, möchte ich gerne ein Bild von der Aussicht vom Turm geschickt bekommen. Danke!

Das war natürlich noch längst nicht alles, uns erwarteten noch mehr Naturschutzgebiete, Sehenswürdigkeiten und Infos – mit welchen Hightlights es auf unserer Pressereise weiterging, erfahrt Ihr in Kürze hier auf dem Blog.

Ein dickes Dankeschön geht an das ganze Team von Mecklenburg-Vorpommern Tourismus und alle Beteiligten, die diese Erlebnisse ermöglicht haben.

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