Der Fall Julius – need help!

11. Dezember 2020 | 2 Kommentare | Schlagwörter: ,

Das Thema Obdachlosigkeit ist in Schweinfurt nicht so offensichtlich, wie es in den deutschen Großstädten ist. Aber ein, zwei Personen, die eindeutig auf der Straße leben, sieht man doch immer wieder mal bei uns. Und in diesem Zusammenhang brauche ich heute Eure Unterstützung!

Aber zuerst einmal, worum geht es überhaupt? Vor ein paar Jahren, ich vermute so ca. drei, fiel mir ein Mann mittleren Alters auf, der regelmäßig in der Fußgängerzone Geld sammelte. Manchmal überließen wir ihm etwas Kleingeld, er bedankte sich und wir gingen weiter. Ohne viele Worte auszutauschen. Ein Jahr später trafen wir ihn wieder. Er lebte augenscheinlich noch immer auf der Straße. Wir gaben ihm wieder etwas Kleingeld. Normalerweise gingen wir dann getrennte Wege, doch an einem kalten Tag im Winter kam mir spontan die Idee zu fragen, ob wir noch etwas für ihn tun können. Ich dachte an ein warmes Getränk, evtl. einen Kaffee. Er wiegelte ab. Ok, dachte ich mir. Ein paar Tage sah ich ihn wieder an „seinem“ Platz sitzen. Wir grüßten uns und ich fragte wieder: „Kann ich etwas Gutes für Dich tun? Brauchst Du evtl. eine Decke?“ Und er antwortete „Eine Decke wäre gut.“ Ab nach Hause und schauen, was wir noch im Haus haben. Eine Decke haben wir sicherlich übrig! Nur wenig später übergaben wir ihm eine Decke. Er bedankte sich, wir unterhielten uns kurz und gingen weiter.

Dann war er längere Zeit verschwunden. Ich kannte weder seinen Namen, noch wusste ich, wo er herkam, noch irgendeine Kleinigkeit. So ist das Leben. Doch dann kam Corona – die Obdachlosenunterkünfte mussten schließen. Und auch die Essensausgabestellen waren nicht mehr zu erreichen. Für uns alles kein Problem, denn die meisten von uns sind zum Glück gut versorgt – sogar mit Toilettenpapier und Hefe! Was man aus dieser Kombination basteln möchte? Keine Ahnung!
Zwischendurch dachte ich schon mal „Was macht er jetzt wohl?“. Da meine Gedanken raus mussten, unterhielt ich mich (via Chat) mit Heiko Kuschel. Wir kennen uns schon länger, hatten aber auch keine richtige Idee bzw. Lösung für die Frage „Was machen eigentlich Obdachlose in Zeiten von Corona?“

Die Zeit verging, die Zahlen sanken wieder und alles war augenscheinlich etwas besser. Aber der Herbst bzw. Winter kam und bei einem gewohnten Spaziergang sah ich ihn wieder. Auf der einen Seite war ich froh, dass er sich optisch nicht verändert hatte, auf der anderen ist es natürlich doof, dass er noch immer auf der Straße leben muss. Selbstverständlich begrüßten wir uns (er kannte mich auch noch) und wir unterhielten uns etwas länger. Auch seinen Namen verriet er mir „Julius“. Ich durfte ihn Julius nennen. Ja, das freute mich irgendwie. Keine Ahnung warum. Doch etwas bedrückte ihn. Wir unterhielten uns und er zeigte mir einen Zettel. Einen Mahnbescheid, ausgestellt von der Stadt Schweinfurt, der ihm in die Hand gedrückt worden war.

Ein Bußgeldbescheid wegen einmaligem „Urinierens in der Öffentlichkeit“ mit anhängendem Mahnverfahren, da der ursprüngliche Bescheid unbeantwortet blieb. Was sich daher auf insgesamt 108,50 Euro summiert. Julius soll nun insgesamt 108,50 Euro zahlen!? Es stellte sich natürlich heraus, dass er den Betrag einfach nicht zahlen kann. Er lebt ausschließlich von dem, was er von Passanten erhält und das sind definitiv keine großen Summen. Was von Rechtswegen dazu führt, dass bei Nicht-Zahlung einige Tage Haft drohen. Und davor hat er große Angst, sehr große Angst! Weil er sich ja eigentlich nicht viel zu Schulden kommen hat lassen. Natürlich könnte man jetzt sagen, es gibt öffentliche Toiletten, die auch jederzeit zugänglich sind. Andererseits war es im Corona-Frühjahr und ich kenne die genauen Umstände nicht und eigentlich ist es mir auch egal. Es ist passiert, er hat kein Geld und hat sehr große Angst, ins Gefängnis zu gehen.

Was tun, um zu helfen? Die Einspruchszeit war leider schon vergangen. Mein erster Gedanke war eine Ratenzahlung. Aber hey, wie soll das unter den Umständen gehen? Keine Chance! Also erst einmal bei den zuständigen Behörden anrufen. Die Stadtkasse selbst kann nichts machen, da es sich bereits um einen rechtskräftigen Bußgeldbescheid handelt. Ist auch verständlich, denn sie sind „nur“ für den Geldeingang zuständig. An dieser Stelle ein großes Lob an die Mitarbeiter der Stadtkasse, die wirklich helfen wollten und mit mir gemeinsam überlegt haben, welche Möglichkeiten es noch geben könnte! Nächster Schritt war das Ordnungsamt, das den Bescheid ausgestellt hat. Endlich bei der richtigen Ansprechpartnerin angekommen schilderte ich den Fall, doch ohne Erfolg.
Ich bekam nur Aussagen wie „In Deutschland muss schließlich niemand auf der Straße leben“ und an eine Lösung war nicht zu denken. Theoretisch kann sie von mir aus recht haben, praktisch sieht die Welt nun einfach mal anders aus und leider gibt es in unserem Land Menschen, die durch das Raster fallen. Menschlich gesehen sollte sie solche Aussagen vielleicht lieber lassen und mir platzte innerlich fast die Hutschnur. Anyway, eine Lösung gab es nicht. Diese hätte auf unbürokratischem Weg erfolgen können, nach Rücksprache mit dem Vorgesetzten hätte man sich auf ein Entgegenkommen einigen können, aber so ist es halt leider nicht. Als ich Julius sagte, dass es keine Chance gibt, war er den Tränen nahe. Doch so leicht geben wir nicht auf. Ich erfuhr, dass er am Vortag sowieso einen Termin bei einem Arzt der Diakonie hatte und dieser ihm sogar ein Attest ausgestellt hatte. Ein Lichtschimmer am Horizont, vielleicht konnte der Bußgeldbescheid auf dieser Basis doch noch zurückgezogen werden?

Die Diakonie Schweinfurt verschickte dieses Attest nun an die zuständige Behörde (sprich das Ordnungsamt). Ein paar Tage später (wir wissen, wie langsam die behördlichen Mühlen mahlen) klingelte ich im Namen von Julius nochmal durch und erkundigte mich nach dem Stand der Dinge.
„Ja, das Attest ist eingegangen, aber wir können nichts machen, da der Beschluss rechtskräftig ist. Möglich wäre ein Antrag auf Wiederaufnahme mit anschließendem Einspruch usw. Beides muss aber schlüssig begründet sein, da reicht nicht nur ein Attest“. Ja, ich war dann etwas rat- und sprachlos. Natürlich kann man nach wie vor auf das Recht bestehen, dann ist man menschlich gesehen halt ein Ar****. Wie soll Julius denn bitte schön DAS machen? Er ist obdachlos, hat kein Geld und benötigt einfach nur unbürokratisch Hilfe. Natürlich sieht die Stadt (bzw. die zuständige Dame) das nicht so und beharrte kontinuierlich auf ihr Recht. „Es hat jeder die Möglichkeit sich in einer Obdachlosenunterkunft zu melden…“. Es macht mich wütend und traurig zu gleich.

Rechtliche Schritte kann und wird Julius natürlich nicht einreichen. Bezahlen kann er leider auch nicht die ganze Summe. Somit wird er leider ohne unsere Hilfe in Haft gehen müssen. DAS möchte ich aber vermeiden. Auf Twitter hatte ich den Fall schon kurz geschildert und bekam bereits einige Anfragen zur Unterstützung. Deshalb habe ich jetzt ein Paypalkonto für Julius eingerichtet:

paypal.me/juliusSW

Er wird sich über jeden übrigen Euro/Cent freuen und sobald ich ihn wiedersehe, werde ich ihm sagen, dass Ihr toll seid! Vorab ganz herzlichen Dank!

P.S. Sollten es mehr als die benötigten 108,50 Euro werden, wird das übrige Geld an die Bahnhofsmission gespendet.

DANKE Euch!

Update: Ihr seid echt der Hammer! Das Ziel ist mehr als erreicht! Das Paypal-Spendenkonto lasse ich noch bis morgen offen. Falls noch jemand für die Bahnhofsmission spenden möchte, aber Julius ist definitiv geholfen. DANKE!

Update 2: Insgesamt sind 314,00 Euro eingegangen. Der Betrag (108,50 Euro) für Julius wurde an die Stadtkasse Schweinfurt überwiesen, damit das endlich erledigt ist. An dieser Stelle vielen Dank! Der restliche Betrag wird die nächsten Tage an die Bahnhofsmission gespendet. Wir geben natürlich auch noch unseren Teil dazu.

Update 3: Kurz vor Weihnachten haben wir den restlichen (+ unsere Aufstockung) an die Bahnhofsmission gespendet. Nochmals vielen lieben Dank an Euch! <3

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